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19. Juli 2019
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Mentale Blöcke passend machen: Der Tetris-Effekt und unsere grenzenlose digitale Zukunft

Der Tetris-Effekt und unsere grenzenlose digitale Zukunft

Die Videospiele von Tetsuya Mizuguchi haben bei vielen Menschen einen einzigartigen mystischen Eindruck hinterlassen, den der gefeierte Designer zum ersten Mal vor 30 Jahren im Jahr 1988 entdeckte , als er durch eine Einkaufs-Passage in Tokio bummelte. Mizuguchi war damals noch ein junger Student und war bis dahin sehr gern mit den schon verfügbaren Shootern und Rennspielen beschäftigt, bevor er sich von einem bunten, musikalischen Wasserfall aus 2-D-Blöcken faszinieren ließ. “Ich habe damals sehr viele meiner letzten Münzen in diese Maschine gesteckt”, erinnert sich Mizuguchi. “Es war so eine elegante Perfektion.”

Tetris sollte nicht nur zu einer der nachhaltigsten Unterhaltungsmodelle einer Zeit werden, die manche noch im C-64er selbst erleben durften, sondern auch einen Großteil von Mizuguchis Karriere inspirieren, was zu einer Trilogie von Spielen führte: Rez von 2001 schickte Spieler durch spacige Drahtgitterlandschaften; seine 2004er Fortsetzung Lumines, gepaart mit fallenden Formen und den zeitbasierten Elementen eines Rhythmusspiels; Child of Eden, das 2011 herauskam, machte die Körper der Spieler zum Controller.

Jeder von ihnen verdankt Tetris eine gewisse ideelle Verpflichtung, wo Geometrie und Klang sich in einer reizvollen Synästhesie vereint – all das kaum erwähnenswerter als Mizuguchis neueste Kreation, nämlich sein ganz eigener individueller Blick auf Tetris selbst. Tetris Effect ist ein umfangreiches aktuelles Update des Klassikers für die PlayStation 4 das jetzt im November auf den Markt kommen soll. Es ist diesmal etwas bedeutender und der leidenschaftliche Versuch, ein wissenschaftliches Phänomen zu nutzen, das uns den Weg in eine grenzenlose digitale Zukunft erleichtern könnte.

Die Regeln von Tetris sind ziemlich einfach: Drehe Vierblock-Formen und lasse sie an Ort und Stelle um ungebrochene Linien zu erzeugen und diese zu beseitigen. Aber in der Zeit, wo das Spiel 1984 aus einem russischen Computerlabor hervorgekrochen ist, haben die die meisten Leute von einer bizarren Erfahrung berichtet. Nach längerem Spielen sahen sie die Tetrominoen (Blöcke und Muste) im geistigen Auge ihres Verstandes, das besonders beim Einschlafen bemerkt worden ist. Klinisch ist das als „hypnagogische Halluzination“ bekannt,. Mizuguchi nannte das späte den “Tetris-Effekt”. Wie Jeffrey Goldsmith, der im Mai 1994 in einem Computermagazin diesen Begriff prägte und folgendermaßen beschrieb:

„Nachts fielen geometrische Formen in die Dunkelheit, als ich so auf meiner Matratze lag. Tagelang saß ich auf meinem Sofa und spielte wütend Tetris. Während der eher selteneren Ausflüge nach draußen, habe ich ständig Autos, Bäume und Menschen optisch zusammengefügt und sie passend gemacht.“

Dieser spezifische Effekt ist Teil einer Reihe von Möglichkeiten, wie Tetris Veränderungen im Gehirn zu erzeugen scheint. Die Forschung hat hier ermittelt, dass das routinemäßige Spielen von Tetris die Häufigkeit des zerebralen Glukosestoffwechsel verringern kann, was das Gehirn effizienter macht. Eine weitere Studie hat ergeben, dass die visuell-räumlichen Anforderungen des Spiels helfen können, bestimmte Denk-Prozesse zu unterbrechen, wo sonst nur traumatische Sichtweisen und Erfahrungen in das Gedächtnis einer Person verankert sind.

Was Mizuguchi jedoch immer begeistert hat sind weniger die klinischen oder kreativen Effekte – es ist der in diesem Spiel herrschende Zustand, der die kognitiven Nachwirkungen auf eine sehr deutliche Weise verstärkt. Er nennt es die “Zone”. Sein Kollege Mark MacDonald nennt es “aus dem Kopf gehen”. Man könnte es als einen Flow-Status bezeichnen, den so oft gewünschten und beneidenswerten Autopiloten-Modus, in dem sich eine Meisterschaft ganz mühelos anfühlt. So schaffen es die “klassischen” Tetris-Fans in den Zenith – diese Leute, die nur die Nintendo-Version spielen und locker eine Million Punkte knacken und es wie moderne “Sprint”-Zocker schaffen, 40 Linien in weniger als 17 Sekunden zu erreichen.

Der Tetris Effect baut auf Mizuguchis bisherigen Arbeiten auf, das „Ich-Denk-Verständnis“ so weit wie möglich aus dem Kopf zu bekommen und diesen Vorgang so krass wie möglich in die Erfahrungen miteinzubeziehen. Levels wechseln die Farbe wie ein Chamäleon, das eine Art „Stimmungsring“ trägt. Der Hintergrund der Kulisse, die vielen kommenden Stücke, die Soundeffekte, die Partikelexplosionen, die eine erfolgreiche Blockräumung signalisieren: Das Ganze ist ständiger Erfrischung ausgeliefert und weckt auf Schritt und Tritt ständig die Sinne. Es gibt im Spiel sogar einen Mechaniker namens „Zone“. Wenn er aktiviert ist, verlangsamt sich der Ablauf so, dass Du Spielzüge ausführen und planen kannst, die sonst für den „Anfängermodus“ und den „normalen“ Spielern unmöglich wären.

Der Tetris Effect baut auf Mizuguchis bisheriger Arbeit auf, um dich so weit wie möglich aus dem Kopf zu bekommen und dich so weit wie möglich in die Erfahrung einzubeziehen. Levels wechseln die Farbe wie ein Chamäleon, das einen Stimmungsring trägt. Die Kulisse, die Stücke, die Soundeffekte, die Partikelexplosionen, die eine erfolgreiche Blockräumung signalisieren: Das Ganze erfrischt ständig und weckt auf Schritt und Tritt die Sinne. Es gibt sogar einen Mechaniker namens Zone. Wenn aktiviert, verlangsamt es den Ablauf, so dass Sie Züge ausführen und planen können, die sonst für alle außer den Spielern unmöglich wären.

Als ein PS4-Titel kann Tetris Effect auch mit dem VR-Headset der PlayStation gespielt werden. Das ändert nichts an dem Spiel selbst; man verwandelt sich nicht in einen Block oder erlebt einen anderen angebastelten VR-Effekt. Aber es intensiviert deine Beziehung zum Spiel außerordentlich. Umhüllt von seinen Sehenswürdigkeiten und den ganzen Geräuschen versinkt man noch tiefer in den Fluss. Als ein konkurrierender Tetris-Spieler Tetris Effect ausprobierte, war er mit einem Headset deutlich besser als mit einem Monitor. Ich auch. Auf eine Weise, wo mein Zeitgefühl zusammenbrach: Bei meinem ersten Durchlauf erwies sich der Zeitraum, den ich für 10 Minuten hielt, als krasse 45.

VirtualReality-Anwender wissen, dass die Zeitlosigkeit durchaus eine sehr bekannte Folge ist. Durch das Ausblenden externer Ablenkungen erzeugen Headsets oft einen allumfassenden Fokus, der sich wie ein gesegnetes Korrektiv der Multiscreen-Ära mit ihrer „Dämpfungsdämpfung“ anfühlt. Tetris Effect hat es geschafft diese Erfahrungen zu verdichten. Zwischen dem tranceartigen elektronischen Soundtrack und der sich ständig weiterentwickelnden Ästhetik, belohnt das Spiel nicht so sehr die Fertigstellung der Zielvorgabe, sondern fokussiert sie. Je länger du in der Zone bleibst, desto mehr musst du gewinnen.

“VR und AR gehen nicht weg”, sagt Mizuguchi. “Sie werden sich vergrößern.” Wenn wir bei den Medien bleiben, die sich nur hinter herkömmlichen Bildschirmen realisieren und die Welt zu unserem Monitor machen, wird ein erhöhter Fokus zu einem entscheidenden Vorteil. Die Manipulation virtueller Artefakte in unserer realen Umgebung war einst Halluzination, bald wird sie alltäglich sein. Habt also Mut Ihr Tetris-Fans. Du hast dein ganzes Leben mit den Bausteinen des Erfolgs verbracht. (lol)

Weiterführende Links und Verweise:

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