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15. September 2019
Rauschgut – Zeitgeist & Infotainment
Subkultur

THC! CBD! Terpenoide! Die Cannabiswissenschaften werden immer komplizierter

Die Cannabiswissenschaft wird immer krasser

Das Thema Cannabis und seine Substanz setzt heute seinen langsamen Marsch in Richtung weltweiter Entkriminalisierung fort, wobei in den USA z.B. pro Bundesstaat die Wähler entscheiden, ob man es in Michigan und North Dakota für den reinen Freizeitgebrauch gestatten soll, oder nur für medizinische Zwecke in Utah und Missouri erlauben möchte (so ähnlich wie bei uns in der BRD). Während zwar in den anderen US-Staaten nach wie vor die landesweite Prohibition immer wieder durchgesetzt wird, werden mehr und mehr Verbraucher immer leichteren Zugang erhalten. Die Legalisierung ermöglicht aber nicht nur den Freakfun am Gras rauchen, sondern das mehr Forscher und von der pharmaindustrie unabhängige Institute diese erstaunlich komplexe und immer noch mysteriöse Pflanze leichter untersuchen können.

Ganz oben auf der Liste der Mysterien steht, wie sich eine ganze Galaxie von Verbindungen in dieser Pflanze zu einer weiteren Galaxie mit medizinischen (und ebensolchen Freizeit-)Effekten zusammenschließt. Zum Beispiel fühlt sich konsumiertes THC anders an, als wenn es mit Cannabidiol oder CBD, einer weiteren natürlich vorkommenden Verbindung in Cannabis kombiniert wird. Die Gründe dafür sind bisher noch nicht vollständig bekannt. Man nennt es den „Entourage-Effekt“: Das THC, der Rockstar aller Effekte, erreicht sein volles Potenzial erst, wenn es mit einer ganzen Crew von Stoffen Beziehungen eingeht, die hier mit Hunderten  von anderen Verbindungen in der Pflanze bestehen.

Das Problem bei der Erforschung eines Medikamentenkatalogs ist jedoch, dass die meisten westlichen Regierungen es (noch) nicht mögen, wenn ein solcher Katalog besteht. Doch je mehr Staaten legalisieren, desto mehr kommt das Cannabis aus dem wissenschaftlichen Mittelalter heraus an die objektive Oberfläche der Öffentlichkeit. Es geht hier gar nicht nur ums Vergnügen den Menschen angenehme „Highs“ als Freizeitgenuss zu ernöglichen, sondern gerade darum, Cannabis zu Medikamenten zu entwickeln, die eine große Bandbreite von Krankheiten behandeln können

Dafür ein paar Cannabis-Grundlagen.

THC und CBD sind Cannabinoide, das heißt sie binden an Rezeptoren im Endocannabinoidsystem des menschlichen Körpers, insbesondere an die CB1- und CB2-Rezeptoren. Erst Anfang der 90er Jahre entdeckten die Forscher das Endocannabinoid-System und es scheint die Dinge wie Stimmungen und Immunfunktionen zu regulieren.
Du hast vielleicht längst bemerkt, dass die Wirkung von Cannabis von Erfahrung zu Erfahrung sehr unterschiedlich und individuell sein kann. Wenn du zum Beispiel mal irgendwo einen Grasbrownie probieren durftest, geht dabei das THC direkt zu deine Leber, wo es in 11-Hydroxy-THC umgewandelt wird. Dieser Metabolit “hat die fünffache Aktivität am dem psychoaktiven CB1-Rezeptor, als das THC selbst”, sagt Jeff Raber, CEO des Werc Shop, einem Cannabis-Labor in Kalifornien.

Deshalb kann man es hier mit Lebensmitteln bei der Wirkung leicht übertreiben. Wenn Du Cannabis nur rauchst, überspringt das THC zunächst die Leber und gelangt direkt in deine Blutbahn. Es ist ungefähr fünfmal weniger stark, als wenn man Cannabis oral konsumiert, was auch bedeutet dass das Zerkleinern von 10 Milligramm THC ungefähr dem Rauchen von 50 Milligramm der Substanz entspricht.

Die Art und Weise der Einnahme ist daher ein wichtiger Bestandteil der Cannabiserfahrung. Aber es werde dabei auch Faktoren verursacht, die sich deiner Kontrolle entziehen. “Wir sind uns ziemlich bewusst, dass das Endocannabinoid-System nicht den ganzen Tag über ein statisches Gebilde ist”, sagt Raber. “Warum es sich ändert, was diese Veränderungen verursacht – sind weiter hochkomplexe Ebenen mit ebenso komplizierten Fragen.” Cannabis kann tagsüber ganz anders wirken als nachts und es kann auch von deiner Stimmung abhängen oder ob du etwas davon gegessen hast.

Das Ganze ist bei Weitem nicht alles. THC interagiert auch mit anderen Cannabinoiden in deinem Organismus und es besteht eine komplizierte Beziehung, insbesondere zu CBD. Interessanterweise haben immer wieder Cannabiskonsumenten berichtet, dass CBD die psychoaktiven Effekte von THC modulieren kann – wie eine Art Gegenmittel gegen Paranoia und Angst, die damit einhergeht, wenn man einfach spontan zu viel erwischt hat von dem Zeug. Das könnte ein Teil der Ursache dafür sein, dass sich Cannabis in Lebensmitteln so stark und mächtig anfühlen kann: Wenn man einen Brownie isst, der ausschließlich mit THC beladen ist, fehlt das CBD, das man eher abbekommen würde, wenn man einen normalen Bud (eine Grasblüte) rauchen würde. (Einige Hersteller in den legalisierten Ländern fügen durchaus auch CBD extra zu ihren Lebensmitteln hinzu. CBD ist im Moment überall sehr angesagt, aber es ist nach wie vor schwer, eine Blütensorte mit hohem CBD-Wert zu finden. Eigentlich kann man sagen, dass die Kultivierer im Laufe der Jahrzehnte hoch berauschende, THC-reiche Sorten auf Kosten von CBD gezüchtet haben.)

Da Cannabis als Medikament immer legitimer wird, legen die Forscher endlich harte Fakten und konkrete Daten in diese Erfahrungen. Sie beginnen zu verstehen, wie CBD die oft unerwünschten Effekte von THC modulieren könnte.

Betrachten wir einmal die Droge Marinol, eine synthetische Form von THC, die seit den 1980er Jahren erhältlich ist. Es ist ein guter Appetitanreger, aber auch wirskam darin, Patienten unfassbar high und paranoid zu machen. “Wenn man den CB1-Rezeptor mit diesem reinen Molekül stimuliert, ist es sehr berauschend und die Patienten vertragen es nicht sehr gut”, sagt Adie Wilson-Poe, die an der Washington University in St. Louis Cannabis zur Schmerzbehandlung erforscht.

Doch wenn man den Patienten jetzt ein Medikament wie Sativex – das THC mit CBD kombiniert – oder sogar reine Cannabisblüten oder -extrakte verabreicht, vertragen sie es viel besser. “Wir beobachten insbesondere, dass CBD vor Paranoia und Angst und einem rasenden Herz schützen kann, das vom THC ausgelöst worden ist “, sagt Wilson-Poe.

Es kehrt alles zum psychoaktiven CB1-Rezeptor zurück. THC ist ein Vertreter, der gut zum CB1 passt und es dort aktiviert. “CBD kann das am CB1 nicht direkt, aber es findet seinen Platz irgendwie wie in einer Tasche “, sagt Wilson-Poe. “Es kann mit THC um die Stelle im Rezeptor konkurrieren.” Das bedeutet, dass wenn du CBD mit THC einnimmst, möglicherweise weniger Rezeptoren zur Verfügung stehen, die das THC aktivieren können, wodurch die psychoaktiven Effekte wie Paranoia moduliert werden.

“Aber das ist wahrscheinlich nicht die ganze Geschichte”, sagt Wilson-Poe, “denn CBD hat mindestens 14 verschiedene Wirkmechanismen im zentralen Nervensystem. So tut es ein wenig von dem an einer ganzen Reihe von verschiedenen Stellen und wir können die Anti-Paranoia- oder Anti-Angst-Effekte wahrscheinlich nicht nur auf die CB1-Besetzung zurückführen.”

Lass mich nun noch eine weitere komplexe Kniffligkeit zur wachsenden Liste von Komplikationen hinzufügen: THC und CBD sind in der Cannabispflanze bei weitem nicht allein, wenn es um die medizinischen Eigenschaften geht. Diese beiden könnten zum Beispiel antibakteriell und entzündungshemmend sein, “stell Dir vor, wenn man eine ganze Blüte verdampfen lässt, würde man möglicherweise ein paar Dutzend entzündungshemmende Moleküle auf einmal konsumieren”, sagt Wilson-Poe. “In diesem Sinne betrachte ich Cannabis als ein Multivitamin gegen Entzündungen.” (Da so viele wichtige Verbindungen im Spiel sind, bevorzugen einige Forscher den Begriff Ensemble-Effekt gegenüber dem Entourage-Effekt. “Entourage” lässt es so klingen, als würde das alles nur den Rockstar THC unterstützen, obwohl die Realität ein wenig nuancierter sein könnte.)

Es kann auch medizinische Anwendungen geben, wo man den Entourage-Effekt bei der Arbeit z.B. nicht unbedingt benötigt. Eine der bekanntesten Behandlungen von THC ist zum Beispiel die Senkung des Augeninnendrucks zur Behandlung des Glaukoms. “Wir haben festgestellt, dass es prima funktioniert und THC da sehr gute Arbeit leistet”, sagt die Indiana University, Bloomington-Forscher Alex Straiker, der die Komplexe der Cannabinoide studiert. “Aber es wird tatsächlich vom CBD blockiert. Die Leute denken oft, oh ja, CBD und THC arbeiten ja zusammen. Aber in Bezug auf die CB1-Rezeptorsignalisierung stellen sie sich tatsächlich gegeneinander oder zumindest CBD gegen THC.” Das heißt aber nicht, dass CBD bei der Behandlung des Glaukoms nicht von selbst auch eine positive Wirkung hat.

Außerdem gibt es viele andere Arten von Rezeptoren im Endocannabinoid-System, auf die diese Verbindungen abzielen könnten. “Es ist chaotisch”, sagt Straiker.

Während CBD also die unangenehmen Auswirkungen von THC zu mildern scheint, könnte es auch bestimmten medizinischen Vorteilen die sonst das THC zu bieten hat, im Wege stehen. Aber da die Komplexität von Cannabis scheinbar kein Ende hat, könnte CBD auch die krebshemmenden Eigenschaften von THC verbessern. Die Forschung hat herausgefunden, dass wenn man THC und CBD auf Krebszellen im Labor anwendet, diese Kombination effektiver ist als THC allein. Sowohl um das Wachstum dieser Zellen zu hemmen als auch um sie direkt zu töten. Die Zukunft von medizinischem Cannabis hängt also zu einem großen Teil davon ab, den Entourage-Effekt auseinander zu ziehen – in einigen Fällen den Entourage-Effekt zu nutzen und vielleicht das Entourage (oder das Ensemble) aufzubrechen, wenn THC oder CBD allein am vorteilhaftesten ist.

“Wir müssen verstehen, welche Konstellationen der Pflanzenchemie für welche Indikationen und welche Arten von Patienten am besten geeignet sind und welche Form des CB1-Rezeptors du zufällig in dir trägst, da es viele Mutationen in diesem Gen gibt”, sagt Wilson-Poe. “Das Verständnis dieser Mechanismen ist also absolut entscheidend, um diesen Patienten eine personalisierte Medizin zur Verfügung zu stellen, die Symptome lindert ohne dabei die unerwünschten Nebenwirkungen zu verursachen.”

Ok, wir haben es fast geschafft diesen Artikel zu Ende zu verfassen, aber wir haben noch ein letztes Problem. Seit Jahrzehnten behaupten Cannabiskonsumenten, dass verschiedene Sorten von Cannabis unterschiedliche Effekte hervorrufen – manchmal macht es sehr schläfrig, ein anderes Mal gibt es unglaublich viel Energie. Das ist wohl wahr, auch wenn CBD in Nordamerika z.B. weitgehend aus Cannabis zu Gunsten von THC gezüchtet wurde. “Nun, wenn alle nur mit viel hochwirksamen THC behaftet sind, muss diese Wirkung von etwas anderem kommen”, sagt Ethan Russo, Direktor für Forschung und Entwicklung am International Cannabis and Cannabinoids Institute, der den Entourage-Effekt untersucht. “Und dieses „etwas andere“ sind die Terpenoide.”
Hey, ein weiteres Mitglied des Gefolges. Im Gegensatz zu THC und CBD findest du Terpenoide nicht nur in Cannabis, sondern im gesamten Pflanzenreich. Sie sind praktische kleine Moleküle, mit denen Pflanzen Insekten abwehren und diese sind es, die Cannabis (als auch dem Hopfen) den charakteristischen Geruch verleihen (dasselbe gilt für die Terpenoide in Zitronen und in Kiefernnadeln).

Die Wissenschaft weiß längst, was einige diese Terpenoide im Cannabis rein pharmakologisch im Gehirn bewirken. Zum Beispiel ist Linalool eine Verbindung, der sedierende und angstlösende Eigenschaften nachgewiesen werden konnten. “Es könnte also sinnvoll sein, wenn man seine Anti-Angst-Wirkung mit der von Cannabidiol[CBD] kombiniert, dann verstärken sie sich gegenseitig”, sagt Russo.

Der Entourage-Effekt oder der Ensemble-Effekt – wie auch immer man es nennen mag, auf jeden Fall könnte das Phänomen weitaus komplizierter werden, bevor wir hier die Dinge etwas klarer werden. All diese Forscher reißen quasi die Chemie von Cannabis weiterhin so auseinander und erschließen sein wahres Potenzial als Medizin. Das Mysterium Cannabis ist auf dem Weg seine Geheimnisse zu lüften …

Weiterführende Verweise:

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